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Der Hofheimer Faust – Integration, Fußball & Theater

Am kommenden Dienstag, dem 19. Dezember feiert das spannende Integrationstheaterprojekt Faust in der Hofheimer Stadthalle seine Premiere. 30 Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund haben sich unter dem Motto „… erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält …“ zusammengefunden, um ihre Version des Goetheklassikers auf die Bühne zu bringen.

Fußballprofi gibt Anstoß
Initiator für das Projekt vor über einem Jahr war Modjieb Jamali. Als Kleinkind flüchtete er mit seiner Familie über den Landweg von Afghanistan in den Main-Taunus-Kreis nach Schwalbach, inzwischen ist der 25-Jährige ein Fußballstar, der für sein Herkunftsland in der Nationalmannschaft spielt. Jamali hatte besonders durch das gemeinsame Fußballspiel und durch die hervorragende Unterstützung eines Lehrers Zugang zur fremden Kultur bekommen. An jenen ehemaligen Theaterlehrer der Schwalbacher Albert-Einstein-Schule, Gerd Müller-Droste, erinnerte sich Jamali und erklärte ihm seine Idee:

„… Schon früh habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ein gutes Beispiel für die „Ausländer“ und „Flüchtlinge“ zu sein. Ich möchte mit diesem Projekt zeigen, dass Integration gelingen kann, ohne dass man seine Wurzeln vollständig aufgibt. … Flüchtlingen, wie ich auch einer bin, wurden Hab und Gut genommen. Sie mussten flüchten und damit verbundene Risiken in Kauf nehmen. In ihrer Heimat hatten sie nichts mehr. Kein Zuhause. Keine Bildung. Keine Freiheit. … In ihrer neuen Heimat stehen sie vor offenen Türen. Sie müssen nur noch durchgehen, sich integrieren und ihr Leben selbst in die Hand nehmen, denn die Rahmenbedingungen dafür sind jetzt gegeben. Ich möchte genau hierfür mit meinem Projekt ein Zeichen setzen, als Vorbild dienen und der Gesellschaft zeigen, dass nicht alle Flüchtlinge schlechte Absichten haben. … Im Kinderheim in Dresden spielte ich jeden Tag Fußball mit den anderen Kindern. Durch ihn kam ich mit den anderen in Kontakt, ohne auch nur im geringsten der deutschen Sprache mächtig gewesen zu sein. Ich habe mich integriert. Durch den Fußball. … Ich bin fest davon überzeugt, dass der Fußball verbindet. Es gibt jedoch schon genug Fußballvereine, die diesen Zweck verfolgen. Es kam mir deshalb in den Sinn, dass es sicher auch eine andere Möglichkeit gibt, eine solche Verbindung herzustellen und zu verstärken. Etwas, das eine solche Verbindung auf einer intellektuellen Ebene herstellen und aktuelle politische Themen verarbeiten kann. Das Theater. …“ (Auszüge aus dem Statement von Modjieb Jamali)

Großes Casting im Frühjahr
Aus der Idee und einem Telefonanruf entstand ein Konzept. Gerd Müller-Droste gewann den Main-Taunus-Kreis als Projektträger, der sofort einen Förderantrag stellte. Schließlich konnte mit Liora Hilb (Theater La Senty Menti) eine erfahrene Kinder-und Jugendtheatermacherin als Co-Regisseurin ins Boot geholt werden. Auch das Theater Willy Praml aus Frankfurt beriet das ambitionierte Theatervorhaben. Gleich im Frühjahr rief man zu einem großen Casting im Hofheimer Plenarsaal des Landratsamts auf, um nach Talenten zwischen 14 und 21 Jahren mit Bühnenpräsenz, Mut und Neugier, sich authentisch einzubringen zu suchen. Die Anwärter*innen musste zu diesem Termin einen selbst gewählten Dialog oder Monolog aus dem Faust vorbereiten und konnte außerdem einen Song vortragen. Aus der anfänglich kleinen Projektidee entwickelte sich schnell ein weitaus größerer Rahmen: Schreibwerkstätten wurden ins Leben gerufen, die unter professioneller Anleitung Texte zu ausgewählten Faust-Sätzen, wie: „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion.“ erarbeiteten. Die Teilnehmenden kamen aus sogenannten InteA-Kursen zur Erlernung der deutschen Sprache und die in den Schreibwerkstätten selbst geschriebenen Texte wurden später chorisch in die Inszenierung eingearbeitet.

Intensive Proben – alles gut dokumentiert
Von Anfang an schlug das Projekt mediale Wellen und gleich 5 Zeitungen berichteten vom großen Casting. Auch der Dokumentarfilmer Vladimir Majdandzic hat sich dem Projekt angeschlossen, um es im Bewegtbild zu dokumentieren. Der unten aufgeführte Teaser und Projektionen für die Bühne stammen aus seiner Feder. Seit September sind die Jugendlichen fleißig am Proben, seit Ende November auch schon auf der großen Bühne in der Stadthalle. Die Aufregung wächst täglich, denn alle fiebern dem Premierenabend vor Publikum entgegen. Initiator Jamali wünscht sich Kontinuität für das Projekt und möchte ein Bildungs- und Projektzentrum aufbauen. Zu diesem Zweck plant er die Gründung einer gGmbH, um langfristigere Finanzierungen zu ermöglichen. Das Zentrum soll im Main-Taunus-Kreis entstehen und Workshops, Theaterprojekte – im weitesten Sinne Kulturelle Bildung – und Partizipation für junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bieten. Noch gibt es übrigens Karten, durch dessen Erwerb die Besucher*innen nicht nur einen spannenden Theaterabend erstehen, sondern auch die Zukunft des ambitionierten Projekts mitgestalten können.
si

Weitere Informationen:
Main-Taunus-Kreis, Der Kreisausschuss, Amt für Jugend, Schule und Kultur
Artikel im Höchster Kreisblatt vom 16.03.2017
Artikel in der FAZ vom 03.04.2017
Projektbeschreibung
Ankündigung: Aktuelle Projekttermine

Webredakteur-LKB

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