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Odenwälder Theaterstück reflektiert deutsche Geschichte

Zur interkulturellen Woche luden die Jugendwerkstätten Odenwald gemeinsam mit dem Theatermacher Dirk Daniel Zucht am vergangenen Wochenende ins Michelstädter Spielzeugmuseum zur Premiere des Theaterstücks „Lindenplatz“ ein. An zwei Tagen hintereinander überzeugte die generationsübergreifende Theatertruppe ein begeistertes Publikum.

Multimediales und musikalisches Präludium
Zur Einstimmung des Abends präsentierte die Projektgruppe drei Kurzfilme, die sich mit der aktuellen Situation der Geflüchteten beschäftigten. Die Arbeit mit den Kurzfilmen diente für die Projektteilnehmenden als erste Auseinandersetzung mit dem Thema „Flucht“ und „Fremd sein“ und stimmte gleichzeitig spielerisch in die Theaterarbeit ein. Der Filmbeitrag „Bauchschmerzen“ führte die Zuschauer ins örtliche Kreiskrankenhaus – wie teilt man sich mit, wenn man der Landessprache nicht mächtig ist? Arabisch-deutsche Zwischentitel unterstreichen die Problematik noch. Bei „Migration“ durfte direkt in der Sparkasse gedreht werden – ein ironischer Verweis auf die Vorurteile gegenüber Menschen anderer Hautfarbe. Der Film „Schulhof“ schließlich, in entsättigter Farbstimmung und mit Life-Musik-Begleitung an Keyboard und Trommel von Musiker Christoph Wetteroth, spielt auf erlittene Traumata der Geflüchteten an.

„Millionen auf der Flucht egal welcher Farbe,
alle, auch Du, haben nicht nur eine Narbe,
Grenz Dich nicht selber aus mit Deinem Zaun im Kopf,
Komm mal rüber und iss mit uns aus einem Topf.

Du willst selber frei sein, dann kannst Du auch dabei sein.
Du kannst einfach frei sein, dann wirst Du auch dabei sein.“

Das selbst getextete und komponierte Musikstück „Frei sein“ von Wetteroth, gesungen vom kleinen aber feinen Chor der jungen Theaterfrauen brachte bereits erste Schauder ins Publikum und wurde mit gebührendem Applaus belohnt.

Helmut Adler – eine deutsche Geschichte
Hauptfigur ist Helmut Adler, der sein Leben Revue passieren lässt. Anhand dieser Figur und dem dörflichen Umfeld entspinnt sich ein Querschnitt der kompletten deutschen Geschichte vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart hinein: Zunächst die Situation während der NS-Regierung, die Zuteilung der Geflüchteten aus den östlichen ehemals deutschen Gebieten in der Nachkriegszeit, später die Wirtschaftswunderjahre mit den Gastarbeitern aus Italien und der Türkei, die Zeit der wilden 70er mit dem Aufbegehren der Jugend, Mauerbau und Mauerfall und die Durchmischung der Bevölkerung aus Ost und West. Sämtliche Strömungen von Fluchterfahrungen und Migration innerhalb der letzten 100 Jahre spiegelten sich am kleinen „Lindenplatz“ wider.

Dichte Inszenierung durch Rückblenden und dem Spiel mit dem Off
Dirk Daniel Zucht bot mit seiner bunt gemischten Schauspieler*innenschar zwischen 6 Monaten und 66 Jahren ein durchweg bannendes Theatererlebnis mit präzise eingesetzten Mitteln. Allein schon der Bühnenraum – im Halbkreis wurde das Publikum innerhalb eines Vorhangs positioniert – erweiterte den Spielraum hinter den Publikumsbereich hinaus, von wo Zurufe, Kommentare, aber auch Lichteffekte eingebaut wurden. Aufeinandergestapelte Pappkisten, zu Beginn noch die Leinwand für die Filme, wurden, eingebettet ins Spiel, zur deutsch-deutschen Mauer auf und wieder abgebaut. Authentizität vermittelten Originalkostüme, Zitate aus der Geschichtsschreibung und der mit ins Spiel eingebundene Säugling. Elegant wurde mit dem Hier und Jetzt und den Erinnerungsbildern des Protagonisten gespielt, wenn im Bild die Erinnerung des alten Adlers mit jungen Schauspieler*innen weitergeführt wurde.

Akzeptanz schaffen durch tiefes Verständnis
Vor allem der gemeinsame Prozess war wichtig für das Projekt, so Regisseur Dirk Daniel Zucht und Projektverantwortliche Karen Bischof. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und deren Darstellung nach außen, das Ausprobieren und sich Einfühlen in andere Lebensverhältnisse und Zeiten kann ein Weg zu mehr Offenheit und Sensibilität sein. Das Theaterstück „Lindenplatz“ zeigt zwar eine enorme Fülle von Eindrücken der jüngsten Geschichte auf, ermöglicht aber auch gerade dadurch ein Panorama auf eine im Grunde vielschichtige und pluralistische Gesellschaft, die durchaus aufgrund ihrer weitreichenden Erfahrung die Möglichkeit hat, weltoffen und tolerant zu sein. Die Arbeit der Theatergruppe ist allerdings noch nicht vorbei, denn nach den Herbstferien wird an einer Verschränkung des Filmmaterials mit den Theaterelementen gearbeitet – die Odenwälder Bevölkerung darf sich also auf zukünftige spannende Aufführungen in abgeänderter Form freuen.
si

Weitere Informationen:
Artikel im Darmstädter Echo vom 02.10.2017
Website des Projektträger: Jugendwerkstätten Odenwald
Projektbeschreibung

Webredakteur-LKB

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