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Gießener Kinder erfinden neue Kommunikationswege

Auf dem Brandplatz vor dem Oberhessischen Landesmuseum im Alten Schloss in Gießen tummelten sich am vergangenen Freitagnachmittag, dem 14. Juli, Kinder und Jugendliche in merkwürdig futuristischer Verkleidung. Passanten blieben stehen und versuchten, sich ein Bild vom bunten Treiben zu machen. Wer sich auf die skurrile Zusammenkunft einließ, der wurde reich belohnt: Kinder und Jugendliche luden zum aktiven Erfahren neuer Kommunikationswege ein und dankten für die Teilhabe mit leckeren Waffeln an blauer, grüner oder roter Soße.

Kinder erfinden analoge Kommunikationsmedien
Ball-Google, Platz-Radio, Kisten-Google – dies waren nur einige der analogen Kommunikationskanäle, die sich im Laufe des Projekts Der Apparat des Theaterkollektivs „Mobile Albania“ gemeinsam mit den rund 20 beteiligten Gießener Kindern und Jugendlichen während der zwei Intensivwochen und weiteren 50 Kindern und Jugendlichen bei Einzelterminen im Vorfeld entwickelt haben. Im Ferienkurs ging es vor allem darum, das Smartphone abzulegen, sich andere Strategien der Kontaktaufnahme zu überlegen und einen kleinen analogen Nachrichtendienst zu erschaffen. Dies ist der bunten Schar der 9-14-Jährigen in vielfältiger Weise gelungen, wie das feine Abschlussfest zeigte.
Jede Erfindung wurde von den Teilnehmenden selbst vorgestellt bzw. direkt vorgeführt. Beim Ball-Google warf man sich einen Ball mit der Frage: „Was wird in der Zukunft abgeschafft?“ zu und der Fänger durfte sich eine originelle Antwort einfallen lassen. Eine begehbare Kiste mit Kommunikationsschlitz, der man von außen Fragen stellen konnte, diente als interaktive Suchmaschine, dem Kisten-Google. Auf einer alten Stehleiter waren viele Möglichkeiten auf Zettel geschrieben, wie man den Brandplatz umgestalten könnte und ein Koffer mit Unmengen an Kabeln, Draht und Elektrozubehör diente als Kostümstation zum Angebot an die Gäste und Passanten. Die Kinder hatten im Vorfeld bereits die Büsten von Wilhelm Liebknecht, Carl Vost, Georg Büchner und Ludwig Börne – alias „Computer Google Girl“ – als Anschauungsobjekte verkleidet.

Mit Fragen zur Heimat aus dem Museum in die Stadt hinaus
Einzeltermine und zwei Intensivferienwochen holten die Kinder und Jugendlichen von ihren Spielplätzen und Schulklassen in die Ausstellung des hessischen Heimatmalers Ernst Eimer ins Museum. Hier arbeiteten Julia Blawert, Till Korfhage, Roland Siegwald und Katharina Stephan vom Theaterkollektiv zunächst mit Wahrnehmungsübungen direkt aus den Ausstellungsexponaten heraus und verschafften den Teilnehmenden Zugang zum Heimatmaler: Das Gemälde eines einsamen Bauern wurde an die Wand projiziert und die Kinder konnten ihre imaginierte Welt einfach auf einer weiteren Folie über das Gemälde malen. Als menschliche Kamera wurden sie blind durch den Raum geführt, mussten für drei Sekunden die Augen öffnen und dann aus dem Gedächtnis den gesehenen Bildausschnitt zeichnen. Mit Kopien von Ernst Eimers Gemälden ging es schließlich hinaus in die Stadt, wo Passanten Fragen gestellt wurden, die sich aus den Bildern heraus ergaben. „Womit verbinde ich mich in der Stadt? Mit was fühle ich mich wohl oder unwohl?“ – dies waren zentrale Fragestellungen an die Kinder und die Passanten gleichermaßen, um sich mit dem eigenen Heimatbegriff auseinanderzusetzen. Als Nachrichtenvermittler mit Zetteln bewaffnet ließen die Teilnehmenden einen Dialog zwischen zwei Menschen entstehen, die sich nicht sehen konnten und nun auf die jungen Gesprächsüberbringer angewiesen waren. „Dieses Experiment der Dialogübertragung durch Dritte hat das Künstlerkollektiv nachhaltig beeindruckt und wird im nächsten Projekt eine weitere große Rolle spielen“, begeisterte sich Katharina Stephan.

Der Apparat als analoge Cloud bleibt im Museum
Die Ergebnisse der urbanen Feldforschung wurden schließlich von den jungen Wissenschaftler*innen in den eigens konstruierten Apparat – der analogen Cloud – hochgeladen. Einen solchen Upload demonstrierte man auch den Besuchern beim Abschlussfest: An einem langen Faden um sieben Ecken wurden die mit Wäscheklammern befestigten Nachrichtenzettel durchs Fenster ins Museum direkt in den Apparat hineingezogen. Im Museum tat sich dann das Wunderwerk der analogen Nachrichtenvielfalt mit vielen Kurbeln, Fäden und Details dem Auge des Betrachters auf.
Die begehbare und interaktive Rauminstallation birgt nun sämtliche Materialien, die die Teilnehmenden als Nachrichten zusammengetragen haben: Interviews und Gedanken zur Heimat kann man an Audiostationen anhören, verschiedene Folien auf den Overheadprojektor gelegen oder die 3-Sekunden-Bilder von der Decke mittels Kurbel herunterholen und betrachten. Die Kinder und Jugendlichen gingen auf jeden Fall sehr stolz aus ihrer spannenden Ferienaktivität: „Leider war ich nur die letzten drei Tage dabei – mein Freund hat mir zum Glück Bescheid gesagt – aber beim nächsten Mal werde ich so was auf gar keinen Fall verpassen,“ ereifert sich der 9-jährige Yazan zufrieden. Die Gießener Museumsbesucher jedenfalls können sich auch in Zukunft am Apparat erfreuen, denn er wird auch nach der Ausstellung des Heimatmalters Ernst Eimer im Museum verbleiben und mit neuen Inhalten bestückt werden.
si

Weitere Informationen:
Projektbeschreibung Der Apparat
Veranstaltungshinweise der Stadt Gießen
Pressebericht des Gießener Anzeigers vom 08.06.2017
Pressebericht der Gießener Allgemeinen vom 30.06.2017

Webredakteur-LKB

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