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Limburger Jugendliche inszenieren das Grundgesetz

Die Dorle-Schäfer-Halle im Kalkwerk zu Limburg platzte aus allen Nähten und es wurden immer noch weitere Stühle hervorgezaubert, um den Zuschauern der Abschlusspräsentation des Projekts Salad Bowl Culture Platz zu bieten. Projektleiter Tobias Kurth war gerührt – nicht nur vom regen Interesse, sondern besonders von den Jugendlichen aus aller Welt, die sich seit April wöchentlich zusammengefunden hatten, um dem größten gemeinsamen Nenner in einer größtenteils fremden Kultur – dem „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“ – ein Gesicht und einen Klang zu verleihen.

Asylrecht als „Reise nach Jerusalem“
Acht Artikel des Grundgesetzes lieferten die Grundlage für die Erarbeitung des fulminanten theatralisch-musikalischen Ereignisses. Über 50 Jugendliche und junge Erwachsene teilten sich die Bühne und den Orchesterbereich. In weiblichem Dreiklang wurden die jeweiligen Artikel vorgetragen und anschließend in ganz eigener Weise musikalisch wie spielerisch beantwortet:
Zu Artikel 1 – „Die Menschenwürde“ umzingelte man eine lebensgroße Puppe, der dann von allen Seiten allerhand multikulturelle Schimpfwörter an den Kopf geworfen wurden. Die „Freiheit der Person“ aus Artikel 2 wurde durch zwei zauberhafte sich selbst am Klavier begleitende Sängerinnen interpretiert, die von einer zur Ruhe ermahnenden Gruppe ständig unterbrochen wurden. Überhaupt war das Stück geprägt von vielen musikalischen Highlights, wie einem selbst geschriebenen Rap. Die einzige Quizshow ohne Gewinner oder Verlierer ließ einen Gläubigen gegen einen Atheisten antreten, um sich über Fragen zu Religion und Glauben dem Artikel 4 der „Glaubensfreiheit“ anzunähern. Einer besitzt einen großen Schirm; es beginnt zu regnen; alle versuchen, unter diesem einen Schirm Schutz zu finden – eine einfache aber wirkungsvolle Hinterfragung der Problematik des Begriffs „Eigentum“ aus Artikel 14. Artikel 6 – „Ehe und Familie“ gepaart mit Artikel 13 – „Unverletzlichkeit der Wohnung“ wurde geschickt mit dem Antigone-Mythos verknüpft, der zuvor von den Jugendlichen eigens für das Stück bearbeitet und umgeschrieben wurde. Eine weitere Szene konfrontierte die Zuschauer mit dem Artikel 3 zur „Gleichheit“: eine Sitzreihe – links Männer, rechts Frauen – aus denen Paare hervortraten und sich kurze Zitate – Klischees über Frau und Mann – aus einem Glas fischten, um sie laut vorzulesen. Schließlich fokussierte sich alles aufs „Asylrecht“ aus Artikel 16a, als die Jugendlichen mit ihren Koffern und Taschen in den Händen um einen schwindenden Stuhlkreis ihre Runden drehten und „Die Reise nach Jerusalem“ zum Besten gaben. Ein Einzelner auf der Bühne – der Sieger des doppelbödigen Spiels – und mit ihm ein schales Gefühl blieb zurück bis alle gemeinsam die Bühne wieder mit Leben füllten und der Applaus zu toben begann.

Ein fragiles Ensemble wird zur Einheit
Im Angebot für die Jugendlichen seit Projektbeginn im April standen zwei Workshopformate – eine Musik- und eine Wortwerkstatt, woraus sich das Theaterprojekt entwickeln sollte. Im Kalkwerk trafen sich fortan Jugendliche verschiedenster kultureller Hintergründe. „Dass sie sich überhaupt auf so ein Projekt eingelassen haben, war nur durch direkte persönliche Ansprache der jungen Menschen möglich“, verriet Projektleiter Tobias Kurth. Das kreative Team um Theaterregisseur Tobias Winter aus der Theaterschule und Annie Vollmers aus der Kulturenwerkstatt musste sich der Herausforderung einer ständig wechselnden Beteiligung stellen und entwickelte daraus eine Tugend: die Jugendlichen waren spontan gefordert, immer andere Parts zu übernehmen und hatten dadurch die Möglichkeit, sich in verschiedenen Positionen – ob am Instrument oder auf der Bühne – auszuprobieren. Am Ende konnte fast jeder jede Rolle übernehmen und auch Menschen, die zu Beginn des Projekts noch gar nicht in Deutschland waren, gelang der Einstieg ins Projekt.
Auf jeden Fall war es dem glücklichen Ensemble nach erfolgreicher Darbietung anzumerken, wie ein kreativer Arbeitsprozess aus einer bunt gemischten Gruppe eine Gemeinschaft schaffen kann, die zusammenwächst und voneinander profitiert.
si

Weitere Informationen:
Projektbeschreibung Salad Bowl Culture
Artikel des HL-Journals vom 03.07.2017

Webredakteur-LKB

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