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Theater, Tanz und Performance in Marburg und Gießen

Der Jugendtheaterclub ACTeasy e. V. präsentierte mit dem intermedialen, inklusiven, ganzheitlichen und interkulturellen Festival WE ACT! EMOTIONS sowohl in Gießen als auch in Marburg mehrere Tage voller Theater, Tanz, Musik und Performance rund um das Thema Emotionen. 45 Jugendliche und junge Erwachsene traten dabei vor das Publikum.

Ein prall gefülltes Programm an fünf Tagen
Im Gießener Jokus war das Festival an zwei Tagen mit seinem Programm zu Gast, im Marburger g-werk konnte man gleich an drei Tagen staunen und zudem noch an zwei Nachmittagen aktiv werden und an Workshops zu Poetry Slam, Bühnenpräsenz, Improvisationstheater oder Performance im öffentlichen Raum teilnehmen. Insgesamt nutzten 20 Interessierte das Angebot der Workshops und 200 Menschen strömten auf das Festival, genossen die Stücke, die verschiedenen musikalischen Beiträge, flanierten durch Ausstellung und Installation und informierten sich beim Filmscreening über das dem Festival zu Grunde liegende Projekt [nord]act – We ACT!

Eingetaucht ins Reich der Emotionen
Am Freitagabend, dem 14. Dezember, zu Beginn des Marburger Festivalzeitraums konnte man sich bequem durch den Abend führen lassen, der Ablauf war minutiös abgestimmt. Begrüßt wurde im Theatersaal des g-werk vom gesamten Team und schon ging es zum ersten Theaterauftritt über.

Langeweile
„Leerlauf“ hieß das Stück der Theatergruppe NachtSicht von blista, einem in Marburg ansässigen bundesweiten Kompetenz­zentrums für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. Die zwölf jungen Erwachsenen beschäftigten sich mit der Langeweile, stellten sich die Frage, ob diese in der kurzweiligen digitalen Welt noch vorkommt und warnten vor dieser Kurzweile, die den Raum zum Denken verstellen könne. In der Inszenierung wurde elegant mit Stühlen operiert und zum Ende daraus ein Turm gebaut.

Ansichten eines Projekts
Der Concierge mit Zylinder und Frack rief das Publikum im Anschluss weiter in den Ausstellungsbereich. Hier konnte man sich die künstlerischen Ergebnisse aus dem Projekt anschauen oder im Film „[nord]ACT!- Eine Vision“, projiziert im Kinosaal Trauma, mehr zur Projektarbeit der letzten drei Jahre erfahren.

Emotionen sind auch nur Nerven
Raum für 16 Zuschauer*innen bot die Performance „IN/OUT:PUT“ der achtköpfigen offenen Performancegruppe der Evangelischen Studierendengemeinde Gießen (ESG). Die Zuschauer*innen erlebten das innere des Gehirns. Die Darsteller*innen liefen als Nervenimpulse die am Boden angeklebten Nervenbahnen ab und sangen den Chor der Emotionen, während per Lautsprecher Forschungsergebnisse die Funktion von Emotionen erläuterten. Plötzlich mussten sich die Zuschauer*innen in einem als Klassenzimmer hergerichteten Raum einer Matheklausur stellen, was sichtlich alle unter Stress setzte, obwohl die Ergebnisse keinerlei Relevanz hatten. Mit Geräuschkulissen, die verschiedene Stimmungen hervorriefen und die die Zuschauer*innen selbst durch das Drücken des „Emotionsknopfes“ variieren konnten, wurde man aus der Performance entlassen und zum musikalischen Zwischenspiel in die Bar geleitet.

Angst
Die Theatergruppe Mangelware aus der stationären Jugendhilfe LepperMühle Buseck zeigte ihr Debütstück „Soph(ob)ia“, an dem 13 junge Menschen seit dem Frühjahr arbeiteten. Die Angst trat als Person auf die Bühne und ließ die Moderatorin in einer Panikattacke zusammenbrechen; die Angst vor dem Feuer tanzte als rote Tuchwirbel durch den Raum; die Angst, die „das Leben doch erst spannend macht“ wurde zum fulminanten Schluss vertrieben, als alle gemeinsam im Chor laut zum Publikum sangen.

Gefühle in Bewegung
Nach erneutem Zwischenstopp in der Bar zur vierköpfigen Projektband Track 08, die sich musikalisch mit den Emotionen auseinandergesetzt hatten, ging es zum letzten Auftritt der Tanztheatergruppe ON aus Marburg, die in ihrem Stück „eMOTION“ körperliche Ausdrücke für die innere Seinswelt entwickelten. Acht Tänzer*innen in blauen Hemden belebten die Bühne, boten atemberaubende Hebefiguren und zeigten dynamisch choreografierte Bilder verschiedener Gefühlszustände, die sie mit Sätzen, wie „Jeder sieht, was Du scheinst, nur wenige fühlen, wie Du bist.“ Schließlich rissen sie sich die Hemden vom Leib und endeten ihr beeindruckendes Tanzstück im Chor mit „Ich sehe, wie Du bist“.

Ein Projekt, das bewegt und nachhallt
Die Rückmeldungen vonseiten der Teilnehmer*innen am WE ACT! war überwältigend: „Es war so schön aus unserer Einrichtung zu kommen und mal was anderes zu erleben und mit anderen in Kontakt zu kommen.”; „Dank des Projekts in Marburg konnte ich wieder Fuß fassen.“; „Die Theatergruppe ist Therapie für die Seele.”; „Ich habe meinen Sinn des Lebens gefunden.“ Dass das Projekt so vielschichtig realisiert wurde und nachhaltige Wirkung auf die insgesamt 75 Teilnhmer*innen hatte, ist nicht zuletzt einem bemühten Team rund um die Projektleitung Karin Winkelsträter und Tobias Long zu verdanken, die sich jetzt für ihre jungen Kreativen um weitere Festivals und Gastauftritte bewerben wollen.
si

Weitere Informationen
Projektwebsite
blista
LepperMühle

Webredakteur-LKB

Webredakteur-LKB

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