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Medial-theatraler Spaziergang durch Darmstadt

An zwei Tagen im September konnten Besucher*innen in Darmstadts City seltsame Gruppen mit Kopfhörern bestückt und teils in Rollstühlen durch die Stadt wandeln sehen: Die Lebenshilfe Dieburg in Kooperation mit dem Theater[inkl.]Labor hatte sich in ihrem Projekt Meine kleine behinderte Stadt mit sogenannten Unorten befasst und mit einem inklusiven Ensemble zu einer theatralen Audioführung eingeladen.

Die Stimme im Ohr führt durch die Stadt
An zwei verschiedenen Treffpunkten startete die außergewöhnliche, performative Stadtführung. Eine Gruppe ging zu Fuß, die andere begab sich in Rollstühle, um die Stadt dieserart zu erleben. Beiden Gruppen gemeinsam war die Führung mittels Audioguide. Daher wurden gleich zu Beginn Kopfhörer und Audiogeräte verteilt, die handlich am Armgelenk getragen werden konnten. Eine Rede des „Bürgermeisters“ des inklusiven Theaterensembles begrüßte die Gäste von hoch oben aus einem Fenster am Treffpunkt heraus, anschließend drückte jede/r Besucher*in den grünen Knopf des Audiogerätes und los ging es in gemächlichem Tempo durch die Stadt. Man lauschte zum einen Interviewsequenzen oder Texten zu verschiedenen Themen, wie: der schönste Platz, Finanzierbarkeit des Stadtlebens, die Hässlichkeit der Innenstadt, Architektur allgemein, Stadt und Behinderung, Ideale, Expertentum und ob der Mensch denn überhaupt glücklich sei. An einzelnen Stationen war man mit spannenden oder kuriosen Begegnungen konfrontiert oder bekam kleine Arbeitsaufträge, die zum Nachdenken anregten.

Planet der Affen und Einhörner
Unterwegs in der „Läufergruppe“ wurden wir zunächst an die Baustelle am Friedensplatz geführt und dort aufgefordert, mit geschlossenen Augen zu träumen, wie der Platz zukünftig aussehen könnte. Weiter in der Fußgängerzone sahen wir plötzlich eine Schauspielerin mit Affenmaske, die, auf einer Toilettenschüssel mit DER ZEIT in der Hand sitzend, bei unserer Ankunft unvermittelt über den Menschenbegriff monologisierte. Dies führte tatsächlich bei einigen Passant*innen zu Irritationen. Vorbei an der Auslage teurer Uhren kam die Anregung per Audioguide, uns Gedanken über die Finanzierbarkeit der Luxusartikel zu machen. Am Bismarckdenkmal wartete eine Mutter mit ihrem behinderten Kind im Rollstuhl und klärte darüber auf, welchen Reaktionen sie täglich ausgesetzt ist: Eine Behinderung in der Öffentlichkeit würde häufig entweder als störend, engelsgleich oder mitleiderregend kommentiert werden, selten könne sie einfach kommentarlos in der öffentlichen Gemeinschaft sein. Wir gingen dann alle gemeinsam in die Hocke, um die Perspektive einer/s Rollstuhlfahrer*in einzunehmen. Mit der Themasequenz „Ideale“ im Ohr, wurden wir aufgefordert, vorbeieilenden Passanten eine spontane Umarmung abzuverlangen, was aus Mangel an eben diesen in eine überschwängliche Gruppenumarmung untereinander mündete. Am Einhorn-Brunnen stießen wir auf einen auf dem Einhorn sitzenden Poeten, der Gedichte vortrug und anschließend selbstgemachtes Parfüm probieren ließ – der Einhorn-Brunnen gelte in der Stadt eben als besonders poetischer Ort. Die nächste Station führte zu Schaukästen, in denen Menschen mit Schildern vor sich saßen, die sich auf die Ablehnung als Asylbewerber*in bezogen – wir vervollständigten dieses Bild, indem wir aufgefordert wurden, die erste Strophe der Nationalhymne gemeinsam zu singen. An weiteren Stationen durch die Stadt berichtete eine Migrantin aus Südamerika von ihren Versuchen, sich an die neue Umgebung anzupassen, indem sie im Sommer mit Lodenmantel herumlief, obwohl ihr farbenfroher Poncho ihr viel besser gefiele und eine Frau rezitiert Dantes „Göttliche Komödie“: Gleichgültigkeit sei das schlimmste Vergehen und die Strafe dafür? – natürlich die Wespen! Es ging durch eine enge mit Mülltonnen vollgestellte und dementsprechend geruchsgeschwängerte Gasse und wir lernten die Frau in der Altpapiertonne kennen, die zeigte, was man im Müll so alles finden kann. Nicht jeder aus der Gruppe traute sich, die angebotenen Trauben zu kosten. Ein blinder Saxofonist führte uns an einem Seil ein Stück des Weges und schließlich trafen wir die Rollstuhlfahrer*innengruppe auf dem zentralen Louisenplatz, wo wir balancierten und die eigene ideale Stadt mit vielen bunten Bauklötzen nachbauten.

Stadt für alle
Mit dem Projekt Meine kleine behinderte Stadt gelang den Macher*innen des Theater[inkl.]Labors Nadja Soukup und Max Augenfeld ein wunderbar vielschichtiges Statement zum Thema Inklusion.  Nicht nur das Ensemble setzte sich aus ganz diversen Menschen zusammen, sondern auch die geführten Interviews, die die Grundlage für die Audioeindrücke bildeten, mit denen man die Stadt neu und anders erleben konnte, ließen alle mit Darmstadt verbundenen Menschen zu Wort kommen: vom TU-Ingenieur über Prostituierte hin zu Bewohner*innen des ansässigen Bauwagenplatzes. Dabei zeigte sich, wie wichtig es für die reale Umsetzung von Inklusion ist, die Beschaffenheit der eigenen Umgebung von allen Seiten zu betrachten. Im eigentlichen Sinne bedeutet Inklusion aus dem lateinischen stammend „Enthaltensein“ – also müsste das Ziel für das Konzept einer modernen und inklusive Stadt sein, gleichberechtigte Lebensmöglichkeit für alle zu bieten. In jeden Fall lud der Audiowalk zu Eigenreflexion ein und erreichte dabei über 120 Teilnehmer*innen am Aufführungswochenende.
si

Weitere Informationen
Projektinformation von  Lebenshilfe Dieburg e.V.  und Theater[inc.]Labor
Projektbeschreibung
Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 10.09.2018

Webredakteur-LKB

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