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Gemeinsam Abheben – Afghanische Flugdrachen in Bonames

Im ehemaligen Hangar des Alten Flugplatzes Bonames/Kalbach konnte einen herrlichen Sommer lang nachhaltig gebastelt werden: Afghanische Flugdrachen standen auf dem Programm, das sich besonders an die Bewohner*innen der dortigen Unterkunft für Geflüchtete und der neuen Unterkunft an der Sport-Universität Frankfurt richtete. Finaler Höhepunkt des Projekts war die öffentliche Veranstaltung an einem Wochenende im September mit großer Drachenbauwerkstatt für alle. Der Andrang war gut, insgesamt besuchten über 100 Teilnehmer*innen das Projekt; ca. 70 Drachen wurden gebaut.

Zu Besuch in der Werkstatt für afghanische Flugdrachen
Unterschiedliche Stationen für die Herstellung der Flugdrachen standen bereit. Sechs Anleitungsplakate zeigten grafisch aufbereitet die Arbeitsschritte zum Bau eines Drachens und dessen Funktionsweise. Darüber hinaus standen sechs Mitarbeiter*innen des Umwelt-Exploratoriums mit Rat und Tat den Drachenbauer*innen zur Seite. Auf dem Boden wurden nach Schablonen die farbenfrohen Transparentpapierteile ausgeschnitten. Gemeinsam führten sie Scheren, klärten Klebevorgänge, maßen Schnurlängen ab und bogen Hölzer. Bereits in den Osterferien hatten fünf Projekttage mit Kindern aus der Unterkunft für geflüchtete Menschen stattgefunden. Hier wurden Drachen gebaut und fliegen gelassen. An einem Wochenend-Workshop im Mai wurde mit geflüchteten Familien aus der Unterkunft auf dem Sportcampus in Ginnheim gemeinsam gewerkelt. Im September nun die offene Drachenbauwerkstatt, die sowohl von Kindern und Eltern aus der Unterkunft, als auch von Familien aus Frankfurt und der Umgebung besucht wurde. Eine bunte Auswahl fertiggestellter Drachen hing an den Fenstern des Hangars und diente den Teilnehmer*innen als Inspiration für ihre eigenen Kreationen. Der geplante Drachenwettkampf, wobei es darum geht, geschickt die gegnerischen Drachen vom Himmel zu holen, konnte mangels ausreichenden Winds zwar nicht stattfinden, die Drachen wurden aber trotzdem in ihrer Farbenpracht munter in die Lüfte steigen gelassen.

Vom Vogeldrachen zum afghanischen Drachenläufer
Das Umwelt-Exploratorium wurde 1994 von Absolvent*innen der Hochschule für Gestaltung Offenbach gegründet, seit vielen Jahren entwickelt und initiiert es Lern- und Forschungsformate für Kinder, Jugendliche und Erwachsene als gemeinnütziger Verein. In Kooperation mit Expert*innen verschiedener Bereiche werden aktuelle umweltpolitische Phänomene untersucht und sinnlich erfahrbar gemacht sowie kulturelle und gesellschaftliche Fragestellungen beleuchtet und spielerisch erforscht. Im Rahmen der Aeronauten-Werkstatt bietet der Verein bereits seit Jahren das Basteln von Vogeldrachen im Hangar an. Seit zwei Jahren besteht die Unterkunft für Geflüchtete in unmittelbarer Nähe der Aeronauten-Werkstatt. Die Nähe ermutigte einige Kinder der Unterkunft dazu, das Angebot anzusehen und schließlich auch konstruktiv daran teilzunehmen. Sie fassten mit der Zeit Vertrauen zum Team und lernten den achtsamen Umgang mit Materialien und Werkzeugen kennen. Das Projekt „Vogeldrachen“ kam besonders gut an. So lag es auf der Hand, berichteten Projektleiter*innen Bettina Hermann und Till Hergenhahn, innerhalb des regelmäßigen Angebots für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den Bereichen Umweltbildung, Demokratiebildung und künstlerisch-ästhetische Bildung ein Angebot für die benachbarten Kinder, Jugendlichen und Familien der Unterkunft zu erarbeiten. Es bestand bereits Kontakt mit einem afghanischen Vater, der den Bau von afghanischen Wettkampfdrachen beherrschte und dessen Interesse und Engagement für das Projekt geweckt wurde. So entstand recht schnell die Idee, die afghanische Drachenbaukunst als Angebot gemeinsam in interkulturellem Austausch zu entwickeln. In Afghanistan ist das Drachensteigen ein Volkssport und es gibt dort tausende von Drachenbauern. Während der Taliban-Diktatur verboten, trifft man sich nun dort wieder regelmäßig zu Wettkämpfen, die hier – anders als in diesem Projekt – traditionell den Männern und Jungen vorbehalten sind. Bekannt wurde die Tradition in den westlichen Ländern vor allem durch den Bestseller „Drachenläufer“ des afghanisch-amerikanischen Schriftstellers Khaled Hosseini, der 2003 erschienen ist und 2007 von Marc Forster verfilmt wurde.

Die Kinder sind mit Verve und Begeisterung dabei
Darüber freuten sich Diplom-Designer*innen Bettina Hermann und Till Hergenhahn sehr, die gemeinsam das engagierte Projekt leiteten. Außerdem ermöglichte das Angebot den Familien, ihre Herkunft und Kultur zu reflektieren und sich darüber auszutauschen. So förderte es das positive Selbstverständnis der Teilnehmer*innen. Die Kinder lernten nicht nur die Funktionsweise von Flugobjekten und den Bau eines Drachens kennen, sondern übten auch verschiedene Kulturtechniken und den Umgang mit Materialien und Werkzeugen. Die Gestaltung des eigenen Drachens bot ihnen darüber hinaus die Möglichkeit, sich persönlich und künstlerisch auszudrücken. Gleichzeitig stellte das Projekt die Umwelt-Explorator*innen auch vor große Herausforderungen: Viele Kinder kamen ohne Begleitpersonen und überrannten die Anbieter*innen geradezu mit ihrem Eifer und Interesse. Mit der Zeit konnten jedoch auch einige Mütter und Väter für das Drachenbauprojekt gewonnen werden, die ebenso großes Engagement zeigten. Die Tatsache, dass der afghanische Vater aus der Unterkunft alle Workshops von Anfang bis Ende begleitete, half entscheidend dabei. Das freudvolle Erleben und gemeinsame Lernen über verschiedene Generationen und Kulturen hinweg machte die Qualität dieses Projekts aus. Eine Ausstellung zum jährlichen Windfest am Heiligenstock Frankfurt schaffte schließlich einen lebendigen Raum für interkulturellen Austausch, denn dort wurden sowohl Drachen als auch das Projekt nochmals vorgestellt.
si

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Webredakteur-LKB

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