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IM FOKUS: Kulturelle Bildung im ländlichen Raum

Die neue Blogreihe IM FOKUS startet. Zunächst soll sich in dieser Reihe den Inhalten und Ergebnisse der thematischen Arbeitsgruppen im Rahmen des Netzwerktreffens am 11. September 2018 gewidmet werden. Gemeinsam wurde sich mit Themen wie kulturelle Arbeit im ländlichen Raum, Zielgruppenansprache, Arbeit mit Kooperationspartner*innen oder nachhaltiger Projektarbeit auseinandergesetzt. Im ersten Beitrag von Anna-Lena Kraft und Ann-Kathrin Schmidt, die für das Modellprojekt LandKulturPerlen* der LKB tätig sind, geht es um die Herausforderungen im ländlichen Raum:

Herausforderungen als Chancen begreifen
Demographischer Wandel, Leerstand und Abwanderung: der ländliche Raum macht nicht selten mit Negativschlagzeilen von sich reden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Besucher und Durchreisende bei Kontakt mit „dem Land“ oft mit mangelhafter Infrastruktur oder verödeten, verschlafenen Nestern fernab jeglicher Zivilisation rechnen. Dass der ländliche Raum entgegen aller Beschwörungen das Potential und den nötigen Freiraum bietet, innovative kulturelle Formate zu erproben und lange geplante Kulturprojekte in die Tat umzusetzen, davon sind wir, das Team des Modellprojektes LandKulturPerlen nach unserer zweijährigen Arbeit in den ländlichen Räumen Hessens, fest überzeugt. Bei der diesjährigen Netzwerkveranstaltung des Kulturkoffers hatten wir die Gelegenheit, uns an einem runden Tisch mit einigen Projektträger*innen des Kulturkoffers auszutauschen und gemeinsam die Chancen und Herausforderungen der Kulturarbeit im ländlichen Raum auszuloten.
Der einstündige Austausch verging wie im Flug und reichte bei weitem nicht aus, um das vielschichtige Thema „Kulturelle Bildung im ländlichen Raum“ ausführlich zu diskutieren und die gestellten Fragen zu beantworten. Dennoch lieferte die Runde viele Anregungen und Tipps, wie aus landspezifischen Herausforderungen Stärken erwachsen können. Im Abgleich mit den Erfahrungen und Entdeckungen, die wir als LandKulturPerlen-Team während unserer Arbeit in den ländlichen Regionen Hessens sammeln konnten, entstand so ein Topf voller Ideen und Maßnahmen, die zum Gelingen von Initiativen Kultureller Bildung auf dem Land beitragen können. Wir freuen uns, diese Anregungen an dieser Stelle mit allen teilen zu dürfen, die das Abenteuer „Kultur auf dem Land“ wagen.

Quergedacht – ungewöhnliche Kooperationspartner*innen
Neben der Ansprache vertrauter Netzwerke und Partner, lohnt es sich, querzudenken und Kooperationen mit anderen Trägern der lokalen Jugendarbeit zu erwägen. Wäre es zum Beispiel eine Möglichkeit, mit der Jugendfeuerwehr oder der Junior-Mannschaft des örtlichen Fußballvereins zusammenzuarbeiten? In den Wintermonaten, in denen nicht für Wettbewerbe trainiert wird, freuen sich die Kinder, Jugendlichen und Betreuer*innen meist über Übungsstunden, in denen keine Theorie gepaukt werden muss.

Überzeugen Sie Multiplikator*innen
In ländlichen Räumen sind Kommunikationswege kurz, der persönliche Kontakt und vorhandenes Vertrauen elementar für gelungene Absprachen und Aktivitäten. Überzeugen Sie mit Ihrer Projektidee die „Local Heros“, die Bürgermeister*in oder die/den Vorstandsvorsitzende/n des größten Vereins vor Ort. Mit starken, bekannten und respektierten Fürsprecher*innen an Ihrer Seite können Sie einfacher weitere „Zielgruppen“ überzeugen. Darüber hinaus können Sie von Ihrem/Ihrer vor-Ort-Expert*in neue Inspiration und Insider-Wissen für Ihre Arbeit erhalten.

Niveau und Professionalität
Wenn in ländlichen Regionen keine kulturelle Basisarbeit geleistet wird, denken Sie darüber nach, Angebote niedrigschwellig zu konzipieren, um Angst vor Überforderung und Hemmschwellen bei dem Teilnehmenden abzubauen. Dennoch ist Professionalität gefragt. Auch wenn Fachpersonal in ländlichen Räumen schwerer zu finden ist, verzichten Sie nicht darauf. Helfende Eltern sind wichtig, ersetzten jedoch keine Pädagog*innen oder Künstler*innen. Kalkulieren Sie in Ihrem Projektantrag ggf. höhere Fahrtkosten für Anreisen der Honorarkräfte ein, aber achten Sie darauf, dass diese auch Spaß daran haben, mit „Neulingen“ zu arbeiten.

Mobiliätskrise überwinden
Kann Ihr Angebote mobil gemacht werden? Wenn die Teilnehmenden aufgrund einer fehlenden Busverbindung oder berufstätigen Eltern nicht zu Ihnen kommen können, fahren Sie zu den Teilnehmenden. In Hessens ländlichen Räumen gibt es wenige mobile Angebote der Kulturellen Bildung. Oder sind vielleicht kleine vor-Ort-Konzepte/Workshops möglich, die am Ende zusammengeführt werden können? Trauen Sie sich über Neues nachzudenken! Wie wäre ein Bushaltestellen-Projekt?…

Neue Kreativ-Räume – Orte finden
Künstler*innen leben und arbeiten in Hessens ländlichen Räumen, meist weil sie dort die freien Flächen, den Platz, die Ruhe und die offenen Gestaltungsspielräume finden, die in Städten bereits dicht besiedelt und/oder überteuert sind. Obwohl so viel Platz in den ländlichen Regionen vorhanden ist, gibt es selten Produktionsräume für künstlerische Aktivitäten. Wo kann eine Theatergruppe proben? Wo können Staffeleien aufgestellt oder Skulpturen hergestellt werden? Wo gibt es einen Raum, der dauerhaft für Kulturarbeit nutzbar ist und der somit zu einem Ankerpunkt Kultureller Bildung werden kann? Erwägen Sie eine Kontaktaufnahme zur Abteilung der Dorf- und Regionalentwicklung des Landkreises oder zu Ihrer/m LEADER-Regionalmanager*in. Vielleicht gibt es dort schon Ideen, wie Leerstände bespielt werden können und es mangelt nur noch an operativen Unterstützer*innen. Bei diesen Anlaufstellen haben Sie auch die Möglichkeit, andere interessante Fördertöpfe für Ihre Arbeit zu finden. Kulturelle Bildung im ländlichen Raum und Regionalentwicklung sind häufig eng verknüpft.

Projekt-Kontinuität
Wenn in ländlichen Räumen keine Kulturelle Basisarbeit geleistet wird oder seit vielen Jahren keine Angebote der Kulturellen Bildung stattfinden, kann es eine Herausforderung sein, Teilnehmende zum Mitmachen zu animieren. Aufgrund der großen Distanzen nehmen sie meist seltener Kulturangebote in Städten wahr. Beides führt dazu, dass Angeboten der Kulturellen Bildung häufig skeptisch beäugt werden. Auch in ländlichen Räumen braucht es darum dauerhafte Strukturen, um kulturelle Partizipation zu lernen. Projektarbeit ist dabei jedoch kein Widerspruch, sondern kann eine Chance sein. Sie gestattet Ihnen, Neues zu erproben. Was funktioniert vor Ort gut? Welche Netzwerke brauche ich? Meist verleiht die Förderung durch die öffentliche Hand (oder andere Fördergeber) den Projekten eine gewisse Anerkennung und Wertschätzung. Nutzen Sie die positive Außenwirkung, um der Politik vor Ort zu vermitteln, dass dieses Projekt unverzichtbar für die Region, das Dorf, die Gemeinde ist – hier können sich neue Möglichkeiten auftuen. Ganz nach dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber!

*Über das Modellprojekt LandKulturPerlen
LandKulturPerlen ermittelt in ländlichen Regionen Hessens, was Akteure benötigen, um sich auch zukünftig erfolgreich der Kulturellen Bildung widmen zu können. Ziele des Modellprojekts LandKulturPerlen sind die Sichtbarmachung der bestehenden Kulturarbeit, die Vernetzung der Akteure vor Ort und das Liefern von Impulsen für gemeinsame Kulturelle Bildungsarbeit.
Mehr über LandKulturPerlen erfahren Sie auf der Website des Modellprojekts oder direkt per  per E-Mail oder Telefon. Wenn möglich beraten wir Sie gerne hinsichtlich möglicher Fördertöpfe für Kulturelle Bildungsprojekte im ländlichen Raum oder vernetzen Sie mit Akteuren vor Ort.

Von Anna-Lena Kraft und Ann-Kathrin Schmidt

 

Weitere Informationen
Blogartikel zur Netzwerkveranstaltung in Marburg vom 20.09.2018
Website der LandKulturPerlen

 

Webredakteur-LKB

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