Kulturkoffer » IM FOKUS: Nachhaltige Projektarbeit

IM FOKUS: Nachhaltige Projektarbeit

In der neu gestarteten Blogreihe IM FOKUS setzen sich die einzelnen Artikel mit speziellen Themen rund um das Förderprogramm auseinander. Zunächst stellt die Reihe Inhalte und Ergebnisse der thematischen Arbeitsgruppen im Rahmen des Netzwerktreffens am 11. September 2018 vor. Gleich zwei Diskussionsrunden beschäftigten sich mit den Möglichkeiten nachhaltiger Projektarbeit, dem sich dieser zweite Beitrag widmet. Susanne Hilf, Geschäftsleitung der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen (LKB) und Nele Zimmermann, sowohl für das Projekt Kultur macht stark als auch für den Kulturkoffer tätig, moderierten diese beiden Arbeitsgruppen und stellen hier die Ergebnisse vor:

Gruppe 1:

Nach gelungener „schweigender“ Vorstellung legte die Runde mit Blick auf die eingangs mitgebrachten Fragen für sich eine Auswahl fest, die als Leitfaden für die Diskussion genutzt wurde. Dabei kristallisierten sich zentrale Punkte für die folgende Diskussion heraus, die nun im Einzelnen vorgestellt werden sollen: 

Förderung & Planungssicherheit
Seitens der Akteur*innen leiten sich einhellig konkrete Forderungen ab: Für eine langfristige und nachhaltige Verankerung der Kulturellen Bildungsarbeit sind Anpassungen in den Fördergegebenheiten nötig, die sich auf folgende Punkte beziehen:

  • Längere Projektlaufzeiten bzw. Zeiträume (festgehalten z. B. auch in Zielvereinbarungen mit den Fördermittelgebern)
  • Die Möglichkeit, Fachstellen / Personal einzubringen
  • Professionelles Engagement muss finanziell honoriert werden!
  • Die Grenzen des ehrenamtlichen Engagements müssen bedacht werden (Selbstausbeutung). Wertschätzung allein reicht nicht aus. Ehrenamt kann keine grundlegend wichtigen Strukturen ersetzen.
  • Die Anträge selbst sollten in jeder Hinsicht „barrierefrei“ werden, also nicht zu kompliziert und umfangreich. Möglichst problemlose Formalia ermöglichen es auch kleinen, nicht-professionell aufgestellten Akteuren, sich dauerhaft zu beteiligen.
  • Es braucht unbedingt ein Vertrauen seitens der Mittelgeber darauf, dass die Akteure im besten Sinne handeln – keine Misstrauenskultur!

Darüber hinaus braucht es konkrete Orte/Räume/Strukturen, die dauerhaft angelegt sind – Verlässlichkeit war ein wichtiges Stichwort, um nachhaltig in der Projektarbeit erfolgreich zu sein. Dass an dieser Stelle Veränderungen und Erleichterungen möglich sind, zeigt z. B. ein Blick nach Rheinland-Pfalz und die dortige neue Kulturförderrichtlinie.
Nach innen gilt es für die Akteure, dauerhafte feste Gruppen/Teams zu etablieren, die Verantwortung übernehmen und die Themen/Projekte wie eine „Fackel“ innerhalb der eigenen Einrichtung weitertragen.  Hier geht es vor allem um Verbindlichkeit und auch um die eigene „Nachwuchsgewinnung“, gerade mit Blick auf das gewollte Engagement.

Weiterentwicklung
Die Gruppe war sich einig, dass die eigene Arbeit und die Projekte immer auch die gesellschaftlichen Herausforderungen und Realitäten im Blick haben müssen. Hier ziehen letztlich alle, auch die Politik, an einem Strang. Für die Projekte wäre es hilfreich, einen „lernenden“ Aspekt einbinden zu können – also Anpassungsmöglichkeiten, wenn (theoretische) Planung von der Praxis „umgeworfen“ wird. Es wäre wünschenswert, wenn sich diese Flexibilität auch schon in den Kostenfinanzierungsplänen und in den Projektdokumentationen abbilden ließe. Gute, realitätsbezogene und nachhaltige Projektentwicklungen brauchen längere Zeiträume und eine positive Kultur des Scheiterns.

Sichtbarkeit
Ein zentraler Punkt der Diskussion blieb die Frage nach der Sichtbarkeit der Projektarbeit. Hier wurde grundsätzlich festgehalten, dass es in der Kommunikation nach außen (Öffentlichkeit, Fördermittelgeber) und nach innen gleichermaßen wichtig ist, für Wiedererkennung zu sorgen. Das Projekt/Programm sollte wie eine Marke kommuniziert werden. Diese „PR in eigener Sache“ wurde als sinnvoll und zielführend erachtet. Hier kann und sollte z.B. die LKB Hessen mit Wissenstransfer/Fortbildungen unterstützen.
Einzelne Akteur*innen haben auch gute Erfahrungen damit gemacht, dass die über den Kulturkoffer geförderten Projekte ein Sprungbrett bzw. Türöffner sein können: etwa für strukturelle Anbindung in den Kommunen oder bei der Suche nach künftigen neuen strategischen Netzwerken. Oder auch nach Sponsoren/Förderern/Geldgebern vor Ort. Hier kann das Programm wie ein „Qualitäts-Gütesiegel“ für die Projekte genutzt werden. Als essenziell wichtig wurden hier die Partnerschaften mit allen Beteiligten genannt, die auch über ein einzelnes Projekt oder eine befristete Maßnahme hinaus langfristig wirksam sein können. Hier braucht es natürlich auch immer Ressourcen und Strukturen, um diese Partnerschaften und Netzwerke zu pflegen und zu bespielen.

Die Diskussion blieb bis zum Schluss rege und ging sogar über den gesteckten Zeitrahmen hinaus weiter, da die Gruppe so tief ins Thema eingestiegen war. Dabei entwickelten sich neue Fragestellungen, die perspektivisch in der Praxis der nachhaltigen Arbeit eine weitere Rolle spielen, wie

  • Wie funktioniert eine optimale Verbindung zwischen kultureller Freiheit und den Gegebenheiten der Einrichtung?
  • Welche Instrumente haben sich bei schnell wechselnden Gruppen z. B. Schule bewährt?

Von Susanne Hilf

 

Gruppe 2:

Am zweiten Tisch zum Thema Nachhaltigkeit fand ein Austausch von sechs Organisator*innen von Kultureller Bildung aus ganz Hessen statt. Die Runde war bunt gemischt: ländlicher Raum und Großstadt, Nord- und Südhessen, Kinderprojekte und Aktionen mit Jugendlichen, Theater, Literatur, Bildende Künste und spartenübergreifende Arbeiten waren vertreten. Nachdem wir uns mit dem allgemeinen Kennlernspiel gegenseitig miteinander vertraut gemacht hatten und uns etwas einordnen konnten, kamen wir schnell auf die Themen, die die Anwesenden zur Frage der nachhaltigen Projektarbeit am meisten bewegten: Wie wirken sich die Mechanismen von Kulturförderung auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus, und wie abhängig ist nachhaltiges Arbeiten von finanzieller Förderung? Welche Aspekte begünstigen langfristige Kooperationen, welche Fragen sind bei den Auswirkungen der Kulturellen Bildung wichtig? Und inwiefern kann die Koordinierungsstelle die Akteur*innen bei dieser Arbeit unterstützen – vor allem neben der Weiterleitung vom „lieben Geld“?

Wichtig war den Akteur*innen, zu schildern, welche Auswirkungen die gegenwärtige Fördersituation in Hessen auf ihre Arbeit vor Ort hat. Die Anforderungen der Projektförderung führen dazu, dass viel Kreativität, Arbeitsstunden und Energie in das Schreiben von Projektanträgen fließt. Zudem ermöglichen die festen Zeitläufe der Projektförderungen keine kontinuierliche Arbeit über das ganze Jahr oder gar einen längeren Zeitraum, sondern das Gros der kulturellen Aktionen für Kinder und Jugendliche findet ab dem Sommer statt. Die Möglichkeit, bei der Koordinierungsstelle eines Förderprojektes Gehör zu finden und die Sorgen und Nöte darzustellen, die neben aller erfüllenden Praxisarbeit und den positiven Auswirkungen bei den Zielgruppen der Projekte auch zu projektgeförderter Kulturarbeit dazugehört, war für alle Beteiligten wichtig. Für die Moderation bedeuten sie wichtige Einblicke in die Praxis. Für die Organisator*innen und Künstler*innen brachte der Austausch neben der Reflexion der eigenen Herangehensweisen den „Aha-Effekt“: ich bin mit meinen Herausforderungen gar nicht allein! Aus diesem Verständnis heraus konnten wir uns an Lösungsvorschläge annähern. Welche Möglichkeiten bieten Vernetzung und Kooperation vor Ort, um nachhaltige Strukturen aufzubauen? Wie können sich die Durchführenden der Kulturellen Bildung gegenseitig stärken, welche Erfahrungen weitergeben? Wie kann die Koordinierungsstelle Projektabläufe nachvollziehbarer darstellen oder die Akteur*innen vor Ort bei der Antragstellung und Projektdurchführung unterstützen?

Es wurden ganz pragmatische Herangehensweisen diskutiert, wie die Spielräume bei der Antragstellung im Kulturkoffer. Es wurden angefragt, ob die Antragstellung als Posten im AuF mit einberechnet werden kann. Viel Zuspruch fand die Idee, die neue Förderrunde früher auszuschreiben und demzufolge auch die Bewilligungen für geförderte Projekte früher zu versenden. Die Logiken, die zu den Planungs- und Abstimmungsprozessen von Förderprojekten führen – nicht nur im Kulturkoffer, sondern ganz allgemein bei landes- oder bundesgeförderter Projektarbeit in Deutschland – stehen jedoch nicht für sich, sondern in komplexen Abrechnungszusammenhängen. Für die Nachhaltigkeit der Arbeit vor Ort ist es umso wichtiger, mit den vorgegebenen Projektzeiten so umzugehen, dass Schule, Kinder und Jugendliche sowie alle anderen Kooperationspartner*innen sich gut miteinander abstimmen und Zeiten für die kulturelle Praxis gefunden werden, an denen die Zielgruppen offen sind für neue Erfahrungen und Begegnungen. Die Beziehungspflege zu den Partner*innen vor Ort spielt dabei eine wichtige Rolle, die nicht nur während laufender oder beantragter Förderprojekte geübt werden muss, sondern langfristig angelegt sein sollte. Ein tragfähiges Netz aus persönlichen und fachlichen Kontakten kann auch bei der Drittmittelakquise ganz direkt – und manchmal auch indirekt – hilfreich sein. Gute Tipps zu Fundraising oder Sachspenden sind oft projektspezifisch, manchmal personengebunden, und können von der Koordinierungsstelle nur allgemein unterstützt werden. Die Anregung zu Workshops und Online-Seminaren zur Projektdurchführung und –finanzierung allgemein, die vonseiten der Koordinierungsstelle Kulturkoffer durchgeführt werden könnten, sind hingegen ein Wunsch, dem nachgegangen werden sollte.

Von Nele Zimmermann

Weitere Informationen
Blogartikel zur Netzwerkveranstaltung in Marburg vom 20.09.2018
Blogartikel: IM  FOKUS: Kulturelle Bildung im ländlichen Raum vom 20.11.2018
Blogartikel: IM FOKUS: Kooperationspartner*innen vom 25.02.2019
Kulturförderrichtlinien Rheinland Pfalz

Webredakteur-LKB

Webredakteur-LKB

Comments are closed here.