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Inklusives Wochenende in Mengerskirchen

Beim inklusiven Wochenende in Mengerskirchen im Westerwald gab es für Jung und Alt viel zu entdecken. Ein professionelles Puppentheater für die ganz Kleinen, die inklusive Theatergruppe Fabel(hafte) Wesen hatte Premiere und die Mädchengruppe Fundevogel präsentierte ihre Werke.

Fundevogel – eine internationale Mädchengruppe
Speziell für geflüchtete junge Mädchen bot das Theater Rayo in der Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum „Alte Schule“ einen Raum zum gemeinsamen Austauschen und spielerisch-künstlerischem Umgang mit der eigenen Lebensrealität. Es fanden sich ein dreiviertel Jahr lang sechs junge Mädchen zwischen neun bis elf Jahren zusammen. Sie wurden in Afghanistan, Moldawien, Syrien oder Albanien geboren und nun leben sie hier im Westerwald. Angeleitet wurde die Gruppe von Erika Beck vom Theater Rayo und Petra Wagner vom Familienzentrum. Gemeinsam traf man sich immer auf dem bunten Teppich, der nur ohne Schuhe betreten werden durfte, um sich auszutauschen. Egal, ob drinnen oder draußen gearbeitet wurde, der Teppich war immer dabei und bildete das Zentrum für die anstehenden Aktivitäten. Die Projektleiterinnen stellten die Themen „Mein Zimmer“ und „Meine Familie“ zur künstlerischen Verarbeitung in den Raum. Spannend dabei war, dass die Mädchen ihre Vergangenheit zunächst ausgeblendet hatten und alles, was sie kreierten, auf das Hier und Jetzt richteten, berichtete Petra Wagner. Die Themen wurden zu Wunschträumen, wie ihr Zimmer gestaltet sein sollte oder was sie sich für ihre Familie erhofften. Die entstandenen Bilder – bunte Collagen – transportierten das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Gemeinsam mit dem Puppenspieler Michael Klein wurden Puppen hergestellt und schließlich von den Mädchen zu Wunschtypen gestaltet. Da in der Schule gerade das Gedicht vom Erlkönig durchgenommen wurden, entschieden sich die Mädchen für die Umsetzung des Erlkönigs in einen kleinen Rap mit den gestalteten Puppen. Ein Film über das Projekt, sowie der bunte Teppich waren natürlich auch Teil der Ausstellung beim integrativen Festwochenende in Mengerskirchen.

Fabel(hafte)Wesen – gelebte Inklusion
Ein weiteres spannendes Projekt, das Premiere in Mengerskirchen feierte, war das neu gegründete inklusive Theaterensemble „Fabel(hafte)Wesen“ mit ihrem ersten Stücke „Grimm – oder wie einer die Märchen erfand“. Ulrich Zaum, der Leiter des Theaterprojektes, schilderte, dass „das Projekt bei allen Beteiligten sehr intensive und berührende Erfahrungen auslöste. Erfahrung mit sich selbst, mit Fähigkeiten und Potentialen, die man sich nicht zugetraut hatte und vor allem auch die Erfahrung, wie stärkend, wie schützend die Zusammenarbeit in einer Gruppe von Freunden sein kann“. Wesentlich beteiligt an diesem spannenden Projekt war zudem der elsässische Puppenspieler und Puppenbauer Michel Klein, der in Zusammenarbeit mit den Spieler*innen eine phantastische Szenerie von Fabelwesen entwickelte. Außerdem war die Musiktherapeuthin Heidi Willke mit einer kleinen Band während des Stückes musikalisch präsent und brachte ihre ausgeprägte Erfahrung mit inklusiven Musikprojekten in die Arbeit ein. Cedric Henrich zeichnete sich für die filmische und fotografische Dokumentation verantwortlich. Und endlich war es soweit: Die bunte Theatergruppe hielt winkend ihren Einzug auf die Bühne und wurde mit großem Applaus empfangen. Im Stück stellt sich Frau Holle im Westerwälder Dialekt vor, die sich nach Düsseldorf aufmacht, um eine neue Tasche zu kaufen. Während man ihr dort statt der „lila Handasch“ einen sprechenden Muff andreht, beherbergt der Hausmeister Timo, weil er nicht Nein sagen kann, jedes Fabelwesen, das nach Unterkunft verlangt. Eine wilde Party wird in Frau Holles Heim gefeiert. Märchenforscher Grimm in Gestalt einer Puppe gerät in das wilde Treiben und die Geschichte von tanzenden Bären, freundlichen Riesen und wandelnden Bäumen nimmt ihren Lauf. Schließlich beim großen Finale tanzten alle – nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne!

Kulturelles Fest stärkt inklusives Miteinander
An zwei Tagen wurde im Schloss Mengerskirchen volles Programm geboten: sogar das Staatstheater Wiesbaden war mit der Koproduktion „Der Glöckner von Notre Dame“ zu Gast und die Kreismusikschule Oberlahn leistete einen musikalischen Beitrag. Wesentlicher Kern des kulturellen Wochenendes waren vor allem Begegnung und Austausch. Nicht nur die unterschiedlichen Darbietungen, auch die Kommunikation bei Kaffee und Kuchen oder bei der inklusiven Disco sorgten dafür, dass Vielfalt erlebbar wurde.

Fortsetzung in Weilburg
Nach dem erfolgreichen Novemberwochenende in Mengerskirchen realisierte das Projekt im Dezember in den Räumen der ehemaligen Spielmann-Schule Weilburg den „Markt der Geschichten / Archiv des Lebens“. Für die Vernetzung des sozialen und kulturellen Lebens stellte der große leerstehende Spielmann Bau Chance und Herausforderung zugleich. „Wo hat man schon einmal diese Möglichkeit, wie aus dem Nichts Theater, Musik, bildende Kunst und die ganze Intensität der inklusiven Aktivitäten, die es hier in der Region gibt, für ein paar Tage einzufangen und zum Leuchten zu bringen.“ begründete Ulrich Zaum das Konzept. „Dieses kulturelle Fest, mit all seiner Improvisation und Spontanität, ist für uns Inklusion im direkten Wortsinn. Als Begegnung, als Austausch, vor allem aber als Einblick in faszinierende Realitäten, die es hier zum Teil seit Jahrzehnten gibt, die aber im öffentlichen Leben  kaum wahrgenommen werden.“ So konnten in elf umgestalteten Räumen Ateliers und Laboratorien des sozialen und kulturellen Lebens begangen werden: Im „Raum der Geschichten“ experimentierten Kinder mit Erzählformen und mischten sich in das „Märchen von den 3 kleinen Wölfchen und dem großen, bösen Schwein“; ein weiteres Theaterlabor stellte einem inklusiven Publikum Technik und Erzählweisen von Theater und Figurentheater vor; im „Raum der Erinnerung“ befragten Kinder in einem Feuerwehr-Oldtimer Senioren nach Spielen ihrer Kindheit; ein Green-Screen Studio lud zum Tausch „Geschichten gegen Krimmelkuche“; ein Malatelier inklusiver Künstler (Atelier Löwenherz) konnte besichtigt, dem Auftritt der inklusiven Rockband  „Mixed Pickles“ gelauscht und natürlich auch die Präsentation der Fabel(haften) Wesen und der Mädchengruppe Fundvogel fand ihren Raum.
si

Dokumentation zu Fabel(hafte)Wesen

Weitere Informationen
Projektbeschreibung
Artikel in °Mittelhessen vom 28.11.2018
Artikel in www.oberlahn.de vom 07.12.2018
Beitrag in weilburg-tv.de

Webredakteur-LKB

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