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Bad Nauheimer Schüler*innen mit Peer Gynt auf Sinnsuche

Herausragende Leistungen brachten sechs Schüler*innen der Jahrgangsstufen 7 und 8 in der Turnhalle der Solgrabenschule in Bad Nauheim mit ihrem Stück „Schälen und Häuten oder: Wir Zwiebel-Leute“ auf die Bühne. In 80 Minuten ohne Pausen zeigten die Heranwachsenden Bilder einer Sinnsuche und stellten ihre Sicht zum Erwachsenwerden vor.

Morphsuits, Zwiebelgeruch und Klarinettenklang
In Morphsuits betraten die jungen Darsteller*innen die Bühne. Im Hintergrund wurden ihre Gesichter groß und in Schwarzweiß auf die Wand geworfen. Vom Tonband hörte man Sätze, wie „Räum‘ auf!“ oder „Verpiss‘ Dich!“. Schließlich nahm jede/r einen Platz vor einem Würfel mit Schreibtischlampe ein und schälte Zwiebeln, bis die ganze Turnhalle vom beißenden Duft der Knolle getränkt war: Die Sinnsuche konnte beginnen. In vielen verschiedenen Szenen wurde man dazu fündig. Der eigene Name stand genauso in Frage, wie die heimliche Liebe, Karriere oder das blanke Überleben selbst. Ein Klarinettensolo beeindruckte, die unendlich dahin gesprochene Affirmation „Ich glaube an mich“ hypnotisierte, eine Bühne voller roter Papiernelken bestach in ihrer schlichten Optik. Szenen aus dem Alltag, die beispielsweise eine Situation aus mehreren Perspektiven darstellten und die unterschiedlichen Wahrnehmungswelten unterstrichen, wechselten mit abstrakten Momentaufnahmen.  Unterbrochen wurden die kurzweiligen Szenen immer wieder durch Themenblöcke wie Erwachsen werden, Wünsche, Glück oder Zweifel. Dazu kam eine Nebelmaschine zum Einsatz und die Schauspieler*innen trugen Stirnlampen als einzige Beleuchtung, um die eingeblendeten Gedanken zum jeweiligen Thema parallel laut vorzutragen. Von den Teilnehmer*innen wurde eine umfassende Arbeit abgelegt, die nahezu alle Aspekte des Seins, die im Übergang zur Erwachsenenwelt eine Rolle spielen können, aufgegriffen und in Bilder gebracht hat.

Peer Gynt, die Worte der Alten und die eigenen Gedanken
„Wen sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue? Und wer ist es, den die anderen sehen? Bestehe ich nur aus den vielen Rollen, die ich täglich spiele – so wie ich jeden Tag die Kleider wechsle? Gibt es denn – so wenn ich Zwiebeln schäle – gar keinen Kern oder gibt es ganz tief drin doch etwas, das ich „ich selbst“ nennen kann?“. Tatsächlich stellte der berühmte Satz aus Peer Gynt von Henrik Ibsen den zentralen Ausgangspunkt für die Sinnsuche dar. Zu den eigenen Gedanken, die die Teilnehmer*innen sich bei diesem Theatervergnügen machten, kamen noch spannende Interviews hinzu: die Bewohner*innen des benachbarten Altenwohnheims wurden besucht und nach den eigenen Erfahrungen befragt. Die Möglichkeit zum Spielen wurde den Bad Nauheimer*innen vom Rosbacher Kinder- und Jugendensemble „theater et zetera“ unter der Leitung von Georg Bachmann eröffnet. Seit Ende der Sommerferien konnte sich die freiwillige Gruppe intensiv mit ihrer Zukunft auseinandersetzen und sich Fragen zu den inneren und äußeren Werten stellen. Zudem hatten sie die Möglichkeit, in die Theaterwelt zu schnuppern und, neben der Bühnenpräsenz, dabei so einiges aus der Praxis rund um die Technik zu erlernen.

Fokussierung, Gemeinschaft und Selbstwertstärkung
Die zur Premiere anwesenden Lehrer*innen waren erstaunt und berührt, denn ihre Schüler*innen seien kaum wiederzuerkennen gewesen, mit solch lauten Stimmen und dieser Klarheit und Präsenz auf der Bühne. Die sechs jungen Bühnenheld*innen – ein Mädchen und fünf Jungen – nahmen die Komplimente mit Stolz und Würde an. Auch die versierten Theatermacher*innen – neben Georg Bachmann, waren noch Riki Breitschwerdt als Dramaturgin und Jasmin Rohrig als Assistentin vertreten – fühlten sich in ihrer Arbeit bestätigt. Der Prozess des gemeinsamen Strukturierens und Fokussierens der vorhandenen oft vielschichtigen Ideen bereichert immer auch die Lebenswirklichkeit der Kinder. Indem sogar auch die Eltern zur Teilnahme gerufen wurden, um gemeinsam die Bühne zu bauen, sorgte die Theatergruppe für eine perfekte Verknüpfung von Alltag und Kunst.
si

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Webredakteur-LKB

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