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Eine ganze Sommerwoche Kunst in Kassel

Vom 05. bis 09. August fand in diesem Jahr bereits zum dritten Mal „Eine ganze Sommerwoche Kunst“ in Kassel statt. Organisiert wurde sie vom raumlabor der Well being Stiftung im Rahmen des diesjährigen Projekts raum|sichten. Insgesamt 16 Teilnehmende von 13 bis 44 Jahren arbeiteten sich kreativ miteinander, mit sich selbst und an ihrer Umwelt ab.

1-zu-1-Performances – Präsentation mittels Partizipation
Wieder einmal durften Interessierte an Kunst und Performance der Präsentation aus den Erfahrungen einer Sommerwoche Kunst im Kasseler raumlabor beiwohnen. Herausfordernd für die Gäste dabei war, dass nicht nur Kunst konsumiert, sondern daran auch partizipiert werden konnte. Mittels sogenannten 1-zu-1-Performances luden die inzwischen performancegeschulten Teilnehmenden die Besucher*innen zur eigenen Erfahrung mit kreativen Momenten ein. Nicht nur die Teilnehmenden konnten sich ihren Besucher*innen einzeln zuwenden, auch das Publikum war aufgefordert, aktiv an die Performer*innen heranzutreten, um in den Genuss der Erfahrung einer künstlerisch-kreativen Übung zu kommen.

Jede*r Performer*in hatte sich etwas aus den Erlebnissen der Kreativwoche herausgepickt, um den „Geschmack“ der Woche weiter zu transportieren:

Beispielsweise konnte man mit Rena (19) eine verzweigte Geschichte erleben, die aus der Ausgangssituation einer Party in einen Riss in der Zeit führte und eine Auswahl verschiedener möglicher Verläufe bot. Rena hatte für jeden Wendepunkt zwei Möglichkeiten, so sollte man sich einen Gegenstand im Umfeld ganz genau ansehen oder die Augen schließen und sich führen lassen, um intensiver zu hören. Alle Stränge führten am Ende wieder zum Partygeschehen zurück. Rena wählte diese Idee der Partizipation, um möglichst viele spannende Elemente möglich zu machen, da sie alles sehr genoss und auf nichts verzichten wollte.

Sophie (25) ist Erzieherin und sie nahm nun schon zum zweiten Mal an der Sommerferienwoche teil. Sie zeigte mit einem „blauen“ Faden, der durch die Woche zu gehen schien, was ihr besonders gut gefallen hatte: Vom Malen der Silhouette einer Person auf Folie ging es dazu über, diese Form im Umfeld wiederzufinden und davon ein Foto zu machen. Dass die Sachen so aufeinander aufbauten und ineinanderflossen, nimmt sie als kreative Anregung in ihr Berufsleben mit. Besonders war für sie auch der kleine Hocker, mit dem dieTeilnehmemenden sich einfach in den öffentlichen Raum setzten und performten – ein Symbol für die spannenden Erfahrungen und vielen Momente, die es ihr erlaubten, im geschützten Rahmen „anders“ zu agieren. Dafür ist sie sehr dankbar und auch für die Gemeinschaft, das gemeinsame Erleben, Essen und Lachen.

Silvia (41) führte die Besucher*innen – gerne barfuß – nach draußen, um sich an einer Stelle in der kleinen Straße „Seidenes Strümpfchen“ mit der Partner*in durch ein oranges Band Rücken an Rücken zusammenzubinden, um, den Kopf in den Nacken bei geschlossenen Augen, langsam zu einer anderen Stelle zu gehen und einfach nur den Körper des anderen Menschen und die Geräusche der Umgebung wahrzunehmen. Man konnte erleben, dass, wenn man aufmerksam ist, man zu einem gemeinsamen Atemfluss kommen und sich gegenseitig stützen und Sicherheit geben kann.

Reza(19) hatte damit begonnen, die Umrisse seiner Hände auszuschneiden und an eine Wand zu kleben. Er lud jeden dazu ein, weitere Hände beizusteuern und so entwickelte sich ein Kreis aus nach außen weisenden Händen, der offen für Weiteres ist. Für Reza bedeutete dieser Kreis ein Symbol für seine Neugier auf die Meinungen der anderen und seine Offenheit für alles, was ihm begegnet. Er war das erste Mal dabei, fand es wunderbar und will auch in Zukunft zu den Mittwochsterminen kommen, weil ihn die kreative Gemeinschaft sehr bereichert hat.

Was zählte, war der gemeinsame Kreativprozess
Den fünf Künstler*innen, darunter Mareike Wieland (Well being Stiftung, raumlabor) und Ulrike Seilacher (Kunst und Integration e.V.) aus der Bildenden Kunst, ging es dabei vor allem um den Prozess des Schaffens. So war es täglich neu und spannend, wohin der kreative Weg die Gruppe führte. Natürlich hatten sie durchaus Pläne im Auge, wohin die Reise gehen könnte und in den täglichen Übungen die Form der 1-zu1-Perfomances bereits angelegt. Die prozessorientierte Expedition drehte sich um Schwerpunktthemen wie Zeitwahrnehmung und Zeitlöcher. Mit an Bord in der Woche als kreative Impulsgeber*innen waren René Alejandro Huari Mateus mit dem Schwerpunkt Tanz, Choreografie und  Performance, Claudia Tobisch aus dem Bereich Grafikdesign und Kochkunst sowie Josephine Vigier, die gerade  ihr Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis mit Schwerpunkt Musik abgeschlossen hat.
Die prozesshafte Arbeit spiegelte sich auch in den Räumlichkeiten wider: Das neue Quartier des raumlabors war während des Projekts noch nicht ganz fertiggestellt, so dass die Gruppe von einem Baustellenambiente umgeben war. Hier konnte man sich austoben und die Zeit tatsächlich stillstehen lassen.

Jung und Alt gemeinsam kreativ
Neu am gesamten Projekt in diesem Jahr ist die Herausforderung, das Angebot generationsübergreifend zu gestalten. Die Teilnehmenden zwischen 13 und 44 Jahren mussten gruppenübergreifend mit ganz unterschiedlichen Verständnissen und Vorstellungen aufeinandertrafen. Die Reise mit unterschiedlichen Generationen intensiviert sich im Herbst, wenn verstärkt mit der Begegnungsstätte des Stadtteilzentrums Agathof zusammengearbeitet wird. Die älteren Generationen sollen dann mit den jungen Generationen durch kreative Ansätze auf eine im Alltag nicht übliche Art und Weise in Begegnung gebracht werden.

Perspektivenwechsel üben
Die Projekte des raumlabors sind inzwischen sehr beliebt bei den kunstinteressierten Kasseler Jugendlichen, weshalb auch ehemalige Teilnehmende sich die Projektdarbietungen gerne anschauen. Gerade der geschützte Raum außerhalb des Alltags sei wichtig, um einen Perspektivwechsel für sich selbst vorzunehmen und einfach mal neue Wege auszuprobieren. Das würde sich schließlich immer auch auf Situationen im Alltag übertragen lassen, die man dann vielleicht ganz neu und anders regeln oder wahrnehmen könne. Der Mittwochabend hat sich als offener kreativer Treffpunkt für Jugendliche/junge Erwachsene im raumlabor etabliert. Neben den monatlichen Intensiv-Workshops (beispielsweise zu experimentellen Drucktechniken), gibt es viel Raum um eigene Themen und Interessen miteinander zu teilen. So gestalten Teilnehmende selbst z.B. einen Trommelabend, oder vermittelten ihre Erfahrungen mit persischer Kalligrafie oder Origami.
si

Weitere Informationen
Website der Wellbeing Stiftung
Projektbeschreibung

Webredakteur-LKB

Webredakteur-LKB

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